Aftersteg


Erschienen in den Todtnauer Nachrichten

Ausgabe Nr. 2 vom 13. Januar 1984

 

 

Wenn wir Ihnen den Stadtteil Aftersteg in einem kürzeren Abriß vorstellen, wollen wir uns nicht mit der Entstehungsgeschichte befassen, denn es ist hinreichend bekannt, daß unsere Vorfahren Bergleute waren und aus diesen Bergwerkssiedlungen unsere Orte entstanden sind.

 

Mit dem Ortsnamen stoßen wir fürwahr auf eine Kuriosität, denn diesen Ortsnamen gibt es nur einmal in der Bundesrepublik und er bedarf deshalb einer kurzen Erläuterung. Der Ortsname Aftersteg wird erstmals erwähnt in den Büchern des Klosters St. Blasien um das 14.  Jahrhundert, wo dazu vermerkt ist, daß es sich um eine Siedlung nach dem Steg handelt. Es gab also damals über den Stübenbach unterhalb des Wasserfalls nur einen Steg und die von den angesiedelten Bergleuten bewohnten ursprünglichen 7 Höfe bildeten die Siedlung „Nach dem Steg“, also "After-Steg".

 

Damit wollen wir es mit dem Rückblick in die Urvergangenheit bewenden lassen und uns der jüngeren Geschichte, der Zeit etwa ab dem 2. Weltkrieg, zuwenden.

 

Wie überall in unserem Lande, hat der Krieg harte Wunden geschlagen. 29 Väter und Söhne der Gemeinde sind - gefallen oder vermißt - aus dem Krieg nicht mehr heimgekehrt. Die Zeit der Entbehrungen, des Maisbrotes, der Sandseife und die Hamsterzeit werden den Älteren noch in Erinnerung sein. Die Betriebe in Aftersteg, Dietsche und Gutmann, produzierten damals Holzknöpfe, Eierbecher und Waschbretter und sicherten damit den Arbeitenden einen bescheidenen Verdienst, um das zu erstehen, was es auf die Lebensmittelkarten noch gab. In dieser schweren Zeit hat die Landwirtschaft mit unseren Nebenerwerbslandwirten ganz entscheidend zur Grundversorgung beigetragen. Unter dem damaligen Bürgermeister Kilian Lais beschloß der Gemeinderat für das Jahr 1946 die Haushaltssatzung mit Einnahmen und Ausgaben von jeweils RM 27.850,--. Der Bürgermeister hatte eine Aufwandsentschädigung von RM 528,-- jährlich und größter Ausgabeposten. war die Anschaffung einer neuen „Spritze“ für RM 2.800,-- (bescheidene Zeiten!). Zur Wohnbevölkerung zählten damals 292 Einwohner. Die Währungsreform im Jahre 1948 setzte dieser leidvollen Zeit ein Ende. Trotzdem war es ein schwerer Neubeginn, der durch die Besatzungszeit und das Flüchtlingswesen erheblich belastet wurde. Die Gemeinde Aftersteg stand jedoch alsbald wieder auf gesunden Füßen, dank der ortsansäßigen Industrie und der Landwirtschaft.  Neu angekurbelt wurde in den 50iger Jahren auch der Fremdenverkehr.

 

Gehen wir deshalb einmal chronologisch auf diese drei tragenden Säulen ein, die Aftersteg zu einem gewissen Wohlstand verholfen haben.

 

Die Industrie

Die heimischen Bürstenfabriken Dietsche und Gutmann begannen nach der Währungsreform wieder damit, ihre ureigensten Erzeugnisse zu produzieren, nämlich Bürsten und Besen für den Haushalt. Bei laufender Erneuerung des Maschinenparks sind sie mit ihren Qualitätserzeugnissen auf den Markt gestoßen. Durch unsere örtlichen Betriebe hatte die Bevölkerung ihren Arbeitsplatz stets vor der Haustüre und man könnte sprichwörtlich sagen: "Du kannst in den Strohfinken dein Geld verdienen". Gutmann baute 1950 ein neues Betriebsgebäude.  Dietsche vergrößerte in den Folgejahren den Betrieb um das Doppelte.  Die entscheidende Erweiterung war dabei der Neubau der Plastikspritzerei im Jahr 1973. Mit diesem Erweiterungsbau verbunden war der Einstieg in die Plastikproduktion, womit der Weg für die Produktion der Zukunft gezeichnet und die Weichen für die Garantie sicherer Arbeitsplätze gestellt wurden. Dietsche hatte im Jahr 1957 in Aftersteg 132, Gutmann 27 Beschäftigte. Bedingt durch die weiteren Produktionssteigerungen und dadurch entstandenen Schwierigkeiten in der Lagerhaltung, begann Dietsche im Jahre 1958 mit der Errichtung eines Zweigbetriebs in Emmendingen und man mußte - teils mit einem unguten Gefühl bei den getreuen Mitarbeitern in Aftersteg hinnehmen, daß in den vergangenen Jahren Betriebsteile, wie z. B. die Stanzerei, in das Zweigwerk Emmendingen verlagert wurden. Nun, es gäbe noch vieles im Detail zu berichten; verbleiben wir in der zuversichtlichen Hoffnung, daß die Betriebe Dietsche/Gutmann, die heute vereinigt sind, in Aftersteg ihre Produktionsstätten weiterhin ausbauen und damit die Arbeitsplätze für die Menschen in unserer Berggemeinde erhalten.

Die Landwlrtschaft

Die ursprünglich ausnahmslos kleinen Betriebe mit 2 oder 3 Kühen, noch zum Teil mit Ziegenhaltung, aus der Kriegs- und Nachkriegszeit haben teilweise ihre Landwirtschaft aufgegeben. Verblieben sind heute noch 18 Landwirte mit Viehhaltung und insgesamt 120 Stück Vieh.  Bemerkenswert ist, daß sich zahlreiche landwirtschaftliche Betriebe vergrößert haben. Der größte Betrieb Strittmatter hält heute 42 Stück Rindvieh und bewirtschaftet ca. 42 ha Wiesen- und Weideflächen.

Die Ausführungen über die Landwirtschaft sollen nicht abgeschlossen werden, ohne die besonders wichtige, uns allen zugute kommende Arbeit unserer Landwirte zu erwähnen, die durch die Bewirtschaftung und Pflege der Wiesen und Weiden unsere Landschaft, in der wir leben, noch lebenswert erhalten.

Der Fremdenverkehr

In den 50iger Jahren unter Bürgermeister Emil Wissler und nachfolgend ab Mitte der 60ger Jahre unter Bürgermeister Gutmann wurde der Fremdenverkehr als dritte Säule und Einkommensquelle für die Bewohner des Ortes kontinuierlich aufgebaut. Der erste Ortsprospekt in schwarz-weiß wurde 1955 herausgebracht; im Jahre 1968 folgte ein ansprechender Farbprospekt. Die Übernachtungszahlen sind auf Grund einer gezielten Werbung stetig angestiegen und erreichten vor der Eingemeindung eine absolute Spitze von 34.000 Übernachtungen im Jahr 1973, was eine Bettenauslastung von  132 Tagen bedeutete.

Die Gemeinde hat einige Initiativen unternommen. So wurde das Gebiet zum Wasserfall saniert, die Anlage „Häuslegarten" wurde gebaut. Im Rahmen einer Spendenaktion wurden für diese Bereiche von privater Seite 30 Parkbänke im Wert von nahezu DM 7.000,-- gestiftet. Dank der Mithilfe der ganzen Bevölkerung wurde Aftersteg im Jahre 1971 Sieger im Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden" des Landkreises Lörrach und der krönende Abschluß dieser vielfältigen Bemühungen war die Zuerkennung des Prädikats „Staatlich anerkannter Erholungsort“ im Jahre 1972.

 

Die Gemeinde als Lebenseinheit:

Die erwähnten drei Bereiche bildeten die wesentlichen Grundlagen der ehem. selbständigen Gemeinde Aftersteg. Aus diesen Einkommensquellen schöpften die Gemeinde und deren Einwohner die materielle Kraft als Voraussetzung für eine gute Lebensqualität abseits der großen Zentren. Dank der beachtlichen Steuereinnahmen - die Gemeinde rangierte bezüglich der Steuerkraft pro Einwohner an 4. Stelle im Landkreis Lörrach - war es möglich, die Wünsche des Bürgers, wie den Ausbau der Gemeindestraßen und Wirtschaftswege, den Bau der Kanalisation und der Trinkwasserversorgung, zu befriedigen. Für die Ausgewogenheit des kulturellen Lebens sorgten der Männergesangverein „Eintracht", der Handharmonika-Spielring und die Dahlauer-Zunft. Sie sind auch heute noch die wichtigsten Träger des kulturellen Angebots.

Die Eingemeindung im Jahre 1974 brachte dann für die Bürger ungewollte einschneidende Änderungen, insbesondere im Hinblick auf die damit verbundene Aufgabe der Selbständigkeit. Die nachrückende jüngere Generation lebt bereits mit dieser Tatsache, während die Bürger der mittleren und insbesondere der älteren Jahrgänge teilweisei mmer noch nicht von den s. Zt. gepriesenen Vorteilen überzeugt sind.

Nachdem wir nunmehr seit 10 Jahren mit der Stadt Todtnau und den Nachbargemeinden zu einer größeren Einheit verbunden sind, hat sich auch vieles positiv entwickelt, z.B. die Zusammenarbeit unter den Vereinen, das Für- und Miteinander unter den Bürgern ist ausgeprägter wie vordem und nicht zuletzt wurden alle Maßnahmen, wie der Bau der kleinen Kuranlage mit Wassertretstelle, das Wartehäuschen, die Erneuerung der Straßendecke in der Talstraße, die Verstärkung der Stromversorgung und viele kleinere Dinge in den vergangenen Jahren durchgeführt.

 

Zu wünschen bleibt, daß Bürgermeister und Gemeinderat die Geschicke der Stadt Todtnau auch in Zukunft so führen und leiten mögen, daß sie den Wünschen der Bürger entgegenkommen und das Ganze als unsere geliebte Heimat lebenswert bleibt.

 

Walter Gutmann, Ortsvorsteher