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Geschwend |
Erschienen in den Todtnauer Nachrichten
Ausgabe Nr. 6 vom 10. Februar 1984
Mit einem kurzen Streifzug durch seine Geschichte soll Ihnen heute der Stadtteil Geschwend vorgestellt werden.
Geschwend,
dessen Name Rodung (schwenden des Waldes) bedeutet, dürfte als landwirtschaftliche
Siedlung entstanden sein. Dafür spricht
sowohl der Ortsname, als auch die günstige topografische Lage. Bergbau wurde, wie in allen anderen Orten unseres
Raumes, auch hier schon sehr früh betrieben, er dürfte aber keine dominierende
Stellung eingenommen haben. Bis 1809 gehörte der Ort zur Talvogtei Schönau.
Eine besondere Bedeutung hatte Geschwend Jahrhunderte hindurch als
gemeinsamer Tagungsort der beiden Talvogteien Schönau und Todtnau. Hier, auf
dem Dürracker (1488, ein Acker heißet der Dürracker), versammelten sich alljährlich
die Vertreter der „beiden Täler“, wie es in alten Urkunden heißt, um über
Ihre alten Rechte und Freiheiten, besonders dem Kloster St. Blasien gegenüber,
zu beraten. Beim Dürrackertag am Samstag vor Lätare des
Jahres 1519, bei dem sich die Vögte und Räte mit je 25 Abgeordneten der beiden
Vogteien versammelt hatten, wurde das s. g. „Dürrackerrecht" beschlossen,
das bis 1786 die eigentliche Talverfassung blieb.
Jahrhundertelang,
bis in die Jahre nach dem zweiten Weltkrieg, war die Landwirtschaft, hauptsächlich
die Viehhaltung, Existenzgrundlage der Einwohner unseres Dorfes. Neben den Flächen in der Talsohle wurden deshalb
große Weideflächen, bis hinauf zum Herzogenhorn, bewirtschaftet. Das brachte
mit sich, daß sich unsere Vorfahren, besonders nach 1500, immer wieder mit
Weiderechtsstreitigkeiten, hauptsächlich mit Bernau Hof wegen der Hinterwaldweide,
und mit Schönau wegen Weiderechten auf dem Gisiboden auseinandersetzen mußten.
Diese Prozesse dauerten bis weit in das 19. Jahrhundert und wurden
mit großer Zähigkeit geführt. Das
ist verständlich, wenn man bedenkt, daß noch 1853 in unserem Ort 339 Stück
Rindvieh, 208 Ziegen und 36 Pferde gezählt wurden. Die Jungviehhaltung wurde aber merklich gesenkt, als sich in den
1890er Jahren hauptsächlich die größeren Betriebe auf Milchwirtschaft umstellten.
Zur gemeinsamen Vermarktung der Milch und Milchprodukte wurde im Jahre
1899 eine Molkereigenossenschaft gegründet, die bis 1960 bestanden hat. Die
Lieferungen von Milch und Butter gingen bis 1952 fast nur nach Todtnau. Während
1945 noch 45 landwirtschaftliche Betriebe bewirtschaft wurden, ging deren
Zahl bis heute auf 8 zurück. Ein Großteil der landwirtschaftlichen Flächen
wird jetzt von auswärtigen Landwirten bewirtschaftet. Zu dieser Entwicklung
hat sicher die günstige Verkehrslage unseres Ortes beigetragen.
Wenn man jedoch den Wandel des Landschaftsbildes bedenkt, dann gibt
der starke Rückgang der Landwirtschaft doch einigen Anlaß zur Besorgnis.
Neben
der Landwirtschaft war für unsere Vorfahren der Wald eine bedeutende Grundlage
der Existenzsicherung. Viele fanden
in ihm den Arbeitsplatz oder den notwendigen Nebenverdienst. Eine ganze Reihe früherer Berufe hing mit der Waldnutzung zusammen.
Denken wir an die ehemals recht umfangreiche Köhlerei, an die Kübler
und Schindelmacher, die Pottaschesieder, die Fuhrleute und Sägewerke.
Vor allem aber war er für Gemeinde immer die wichtigste Einnahmequelle. Wie um die Weidenutzung, gab es deshalb zwischen
den Orten der Talvogteien jahrhunderlange Streitigkeiten um Beholzungsrechte
und den Waldbesitz. Als 1809 die Vogteien
aufgelöst wurden, mußten auch die gemeinsamen Waldungen geteilt werden.
Geschwend, Präg und Schönau bildeten zunächst eine Waldgenossenschaft. Nach langwierigen Verhandlungen kam es erst
1851 zur Waldteilung. Deshalb liegen
heute um Geschwend und Präg umfangreiche Waldteile der Stadt Schönau. Ganz besondere Beachtung wird seit Jahrzehnten
der Walderschließung geschenkt. Während
in den Jahren nach 1880 bis zum ersten Weltkrieg die großen Hauptwege, wie
der Gisibodenweg, der Schöntannenweg und der Bürlemoosweg angelegt wurden,
stagnierte der Wegebau in den schwierigen Jahren zwischen den beiden Kriegen
fast ganz. Seit 1960 wurde aber das Wegenetz beachtlich erweitert, und auch
nach der Gemeindereform wurde die Walderschließung, dank der Forstbetrlebsgemeinschaft
so intensiv betrieben, daß sle für den ehem. Geschwender Wald als nahezu abgeschlossen
betrachtet werden kann. Zu hoffen bleibt, daß unser Wald auch für kommende
Generationen seine vielfältigen Funktionen erfüIlen kann.
Geschwend
konnte sich im Verlaufe seiner Geschichte trotz seiner günstigen Lage nicht
zum lndustrieort entwickeln. Das lag
vor allem an der früher dominierenden Stellung der Landwirtschaft. Doch gab es immer einige Handwerker und kleine Gewerbebetriebe.
Zwar sind die früheren Berufe wie die Schmiede, Wagner, Kübler und
die Mühle verschwunden, aber es sind neue, den modernen Lebensverhältnissen
entsprechende Handwerksbetriebe und Geschäfte entstanden, die eine gute Entwicklung
zeigen.
Auch der Fremdenverkehr
spielt seit den 50er Jahren als Nebenerwerb eine bedeutende Rolle. Der erste Ortsprospekt wurde im Jahre 1957
herausgebracht.
Zum
Leben unseres Ortes gehören aber auch die Vereine, die kommunalen Einrichtungen,
die Schule und die Kirche. Schon im Jahre 1807 bemühten sich Geschwend und
Präg darum, eine selbständige Kirchengemeinde zu werden. Trotz ständig wiederholter
intensiver Bemühungen dauerte es fast ein Jahrhundert, bis Geschwend und Präg
am 4. Mai1901 aus der Pfarrei Schönau gelöst und zur eigenen Kirchengemeinde
erklärt wurden. Die Kirche in Geschwend
wurde am 1. September 1908 eingeweiht. Von
den Baukosten mit rd. 90.000,-- Mark übernahmen die beiden Gemeinden 70.00,--
Mark. Der Rest wurde überwiegend durch
Spenden der Einwohner aus beiden Orten aufgebracht. Zur selben Zeit im Jahre 1907 wurde der Friedhof in Geschwend für
die Gemeinden Geschwend und Präg angelegt.
Die Schule wird erstmals um 1800 erwähnt. In dem 1970 bezugsfertig
gewordenen neuen Schulhaus werden die Grundschüler der Ortsteile Geschwend,
Präg und Herrenschwand von 2 Lehrkräften unterrichtet.
Als
erster kultureller Verein wurde im Jahre 1877 der Männergesangsverein gegründet,
der bis 1923 bestanden hat Die Gründung des Musikvereins erfolgte im Jahre
1908. Er konnte im vergangenen Jahr sein 75 jähriges Gründungsfest feiern
und steht mit 44 aktiven Mitgliedern auf einem Höhepunkt seiner Geschichte.
Wenig später, um 1910, trat der Kirchenchor Geschwend-Präg ins Leben. Auch er hat heute mit 40 Sängerinnen und Sängern einen beachtlich
hohen Leistungsstand. Diese beiden
Vereine sind in ganz besonderer Weise als Repräsentanten unseres Ortes zu
bezeichnen. Der im Jahre 1925 gegründete
Schützenverein wurde 1939 aufgelöst. Von Bürgern aus Geschwend, Präg, Utzenfeld
und Schlechtnau wurde im Jahre 1898 der Ländliche Kreditverein, die heutige
Raiffeisenbank, gegründet.
Wenden
wir uns nun aber der jüngeren Vergangenheit und der Gegenwart zu. Wie allerorts
hat der 2. Weltkrieg harte Wunden hinterlassen. 16 Söhne unserer Gemeinde
sind gefallen oder vermißt. Die damaligen
Notjahre sind wohl allen, die sie miterlebt haben, noch in Erinnerung. Ein besonderes Problem war in den Nachkriegsjahren
die Unterbringung der Heimatvertriebenen. Die finanziellen Möglichkeiten der Gemeinde
waren damals recht bescheiden. Mit Hilfe einer Baugenossenschaft wurde ein
Sechsfamilienhaus gebaut, um wenigstens den dringendsten Wohnraum zu beschaffen.
Aber
schließlich brachte durch steigende Holzpreise der Gemeindewald wieder beachtliche
Erträge, so daß auch andere Vorhaben verwirklicht werden konnten. Im Jahre
1955 konnte das neuerbaute Berggasthaus Gisiboden eröffnet werden, das anstelle
des alten, baufälligen Häuschens erbaut worden war.
An der Gisibodenstraße wurde Baugelände bereitgestellt. Damit verbunden
war die Erweiterung der Wasserversorgung und der Bau der Abwasserleitung. Die 7 km lange Gisibodenstraße erhielt eine
Makadamdecke. Der Schulhausneubau und die Renovation des Rathauses wurden
durchgeführt und noch einiges könnte erwähnt werden. Das alles zusammengefaßt ergibt für 25 Jahre eine recht ansehnliche
lnvestitionssumme. Es muß allerdings
gesagt werden, daß vieles nur durch beachtliche Zuschüsse des Landes verwirklicht
werden konnte. Erinnert sei schließlich
noch an den Bau der Umgehungsstraße. Eine Entscheidung, die sich für unser Dorf sehr positiv ausgewirkt
hat.
Die
Gemeindereform brachte dann im Jahre 1974 eine tiefgreifende Veränderung. Bei der Bürgeranhörung im Januar 1974 stimmte die Mehrheit der Geschwender
gegen eine Eingemeindung. Diese Tatsache
machte es dem damaligen Gemeinderat nicht leicht schließlich doch den Eingliederungsbeschluß
zu fassen. Aber es war noch die einzige Möglichkeit, um
wenigstens die Ortschaftsverfassung zu erhalten. Viele Mitbürger standen dieser Entwicklung ablehnend gegenüber.
Besonders die ältere und mittlere Generation betrachtete die Selbständigkeit
ihrer Gemeinde als hohes Gut. Die Wunden sind inzwischen geheilt und wenn
auch die Narben manchmal noch etwas schmerzen, so wird die Jugend in unser
neues Gemeinwesen hineinwachsen.
10
Jahre sind wir nun zusammen mit der Stadt Todtnau und den Nachbargemeinden
zu einer größeren Einheit verbunden. Trotz der anfänglichen Skepsis hat sich
vieles positiv entwickelt. Auch in
unserem Ort wurden eine Reihe von Maßnahmen, wie die Ortstraßeninstandsetzung,
der Bau der Wassertretstelle, die restliche Erneuerung der Ortsbeleuchtung,
der Bau von weiteren Waldwegen und noch vieles andere durchgeführt. Vergessen
wir aber nicht, daß auch in nächster Zukunft noch erhebliche Leistungen für
unseren Ort auf die Stadt zukommen werden.
Als die bedeutendsten und dringendsten sind zu nennen der Bau der Kanalisation,
die Erschließung von weiterem Baugelände und die Instandsetzung der Gisibodenstraße.
Für
die weitere Zukunft bleibt zu wünschen, daß Gemeinderat Bürgermeister und
Verwaltung die Geschicke der Gesamtstadt so leiten, daß in der Einheit auch
die historisch gewachsene Eigenständigkeit der einzelnen Stadtteile Raum findet.
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Johann
Oertel Ortsvorsteher
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