Schlechtnau


Erschienen in den Todtnauer Nachrichten

Ausgabe Nr. 13 vom 30. März 1984

 

 

Schlechtnau zählt mit zu den ältesten Siedlungen des oberen Wiesentales.  Der Ortsname wurde als Schlehdornhecke gedeutet und erscheint im Jahre 1301 als Slehtlop, 1352 als Slechtloub und 1536 als Schlechtnaw, bis dann Schlechtnau daraus wurde. Bis zum Jahre 1809 gehörte Schlechtnau zur Vogtei Todtnau, deren Gebiet vom Feldberg bis zum Kresselberg bei Schlechtnau verlief. Die Grenze zwischen dem Schönauer und dem Todtnauer Tal durchschnitt die Talenge der „Wiese“ zwischen Geschwend und Schlechtnau. Verschiedene, heute noch zum Teil vorhandene Stolleneingänge in der Gemarkung deuten, wie die nahe gelegene Stadt Todtnau, auf Bergbausiedlungen.

Zu der Besiedelung gehörte in erster Linie die Landwirtschaft. So ist es nicht verwunderlich, daß noch 1930 in jedem Haus Nebenerwerbslandwirtschaft betrieben wurde, wozu auch der Weideberg links und rechts des Tales diente, welcher übrigens durch mühselige Arbeit, durch Auflesen und Zusammentragen von Steinen in Gemeinschaftsarbeit nutzbar gemacht wurde. Dazu gehörten auch die 4,5 ha ehemaligen Allmendfelder im Kressel, die mit ca. 10 ar zu jedem Haus als Bürgernutzen aufgeteilt wurden. Damals war noch ein Weidegang mit ca. 170 Stück Vieh und 80 Ziegen zu verzeichnen.  Heute sind es noch 6 Nebenerwerbslandwirte mit ca. 40 Stück Vieh, welche Gott sei Dank noch die näher gelegenen Felder bewirtschaften.  Die ehemaligen Weideberge dienen nun der Schafbeweidung. Wie Sie, lieber Leser, aus der Gemarkungsfläche entnehmen, hat Schlechtnau im Vergleich zu den anderen Stadtteilen wenig Wald. Schlechtnau fühlte sich auch nach der Auflösung der Talvogtei in der Verteilung der Waldfläche, welche in langwierigen Verhandlungen von 1815 - 1837 erfolgte, benachteiligt. Die Gemeinde wurde dann durch einen Tausch mit Muggenbrunn zufrieden gestellt. So ist es nicht verwunderlich, daß Schlechtnau ca. 100 ha Waldbesitz nördlich des Weidefeldes Wasenlift mit Stolz sein eigen nennen konnte, denn es wer ein schöner und ertragreicher Besitz, der auf Grund der guten und feuchten Bodenbeschaffenheit immer Höchsterträge für den Holzverkauf und somit für die Gemeindekasse brachte. Ich erinnere an Rammpfähle für Hafenanlagen und den Geigenholzverkauf, so daß das 1954 neuerbaute Schulhaus mit Lehrerwohnung bar bezahlt werden konnte. Die Pflege des Waldes erfolgte - außer durch Holzeinschlag, der zum Teil von ansässigen Bürgern betrieben wurde - im sogenannten Frohndienst.  Jeder Bürger war verpflichtet, für den Wald ein Tag mit 10 Stunden Frohndienst zu leisten, und das bis zur Eingemeindung 1972. Auch für den Weideberg und die Holzschleifwege mußte zusätzlich Frohndienst geleistet werden, für 1 Stück Großvieh über 1 Jahr einen Tag. Zu den Waldwegen ist erwähnenswert, daß Schlechtnau das besterschlossene Wäldwegenetz im Forstbezirk hatte.

 

Im Jahre 1750 wurde die jetzt noch stehende Kapelle gebaut und im Jahre 1792 die Volksschule eingerichtet und 1840 erbaut. Das Dorf zählte um diese Zeit 17 Häuser, 40 Familien und 129 Seelen. 1855 hatte Schlechtnau 43 Bürger und 269 Seelen. So hatte Schlechtnau in den vergangenen 150 Jahren eine ziemlich gleichbleibende Bevölkerungszahl aufzuweisen. Die Kriege haben auch in Schlechtnau ihre Wunden hinterlassen. Im ersten WeItkrieg beklagte die Gemeinde 9 Gefallene und im zweiten Weltkrieg 10 Gefallene, deren Andenken an den beiden Kriegerdenkmäler im Pfarrort Todtnau verewigt ist. An die drei Kriegsteilnehmer vom Kriege 1870/71 erinnert eine Tafel in der Ortsverwaltung.

Das Handwerk war nur im kleineren Rahmen durch Leine- und Baumwollweber, Schuster, Dreher, Zundelscheider, Schneider, Zimmermann, Mühlemacher, Gipser, Schmied und Schreiner vertreten, dazu gesellten sich 2 Wirte, Fuhrmann und Händler. 1870 unter Bürstenfabrikant Emil Dietsche, dem „Bürstenplättler“ (Bürsten- und lnschriftenmaler), kam auch das Bürstengewerbe nach Schlechtnau.  Mit dem Wegzug des Bürstenfabrikanten Josef Frank im Jahr 1950 fand auch dieses Gewerbe in Schlechtnau sein Ende. Somit ist Schlechtnau neben zwei Handwerksbetrieben zum reinen Wohnort mit offener Siedlungsstruktur geworden, dessen Auspendler (ca. 100) ihre Arbeit und ihren Verdienst in der Hauptsache in der Todtnauer Industrie finden.

 

Das kulturelle Leben wird gepflegt vom Männergesangverein, der sich, in den guten Händen des Dirigenten Walter Walleser, hören lassen kann, und von der Fasnachtsgesellschaft mit der Dichelbohrerzunft, wo Markus Morath als Zunftvogt die Sache leitet. Auch die Feuerwehr steht unter Kommandant Otto Kunz auf gesunden Beinen. Erwähnen möchte ich auch die Frauenriege, geführt von Frau Strohmeier und Frau Walleser. Auch Altennachmittage werden regelmäßig durchgeführt, ein herzliches Dankeschön an Franz Glaisner.

 

Nun, wie schon erwähnt, war der Wald die Haupteinnahmequelle  der damaligen Gemeinde Schlechtnau. Nachdem das neue Schulhaus erbaut und unter Bürgermeister Schmidt 1954 eingeweiht werden konnte wurde auch das im Gebäude integrierte Volksbad mit Duschräumen in Betrieb genommen, das auch von den Einwohnern der Stadt Todtnau und der Gemeinde Geschwend gern in Anspruch genommen wurde.  Dank der rein ehrenamtlichen und sparsamen Verwaltung konnte 1958 der 2,5 km lange Hägäckerleweg, welcher zum Hasenhorn führt, gebaut werden, der Kresselweg und die restlichen ungeteerten Wege innerhalb des Ortes konnten mit einer Makadamdecke versehen werden. Nach vielen Auseinandersetzungen mit der Bundesstraßenverwaltung konnte 1958 die B 317 mit dem Ausbau in die jetzige Trasse verwiesen werden und nicht, wie geplant, eine Verbreiterung zwischen den Häusern hindurch - mit auch ein Verdienst des ehemaligen Bürgemneisters Schmidt. Auch der Bau der Kläranlage auf Schlechtnauer Gemarkung wurde akzeptiert, welche auf Grund der einwandfreien Wartung noch keine Geruchsbelästigung für den Ort brachte. 1966/67 konnte die von der Feuerwehr langersehnte neue Garage gebaut und ein Unimog, auch für den Winterdienst, gekauft werden.

 

Die Wasserversorgung machte der Gemeinde durch die geringe Schüttung der meist privaten Quellen immer mehr Sorgen und es war 1967 unumgänglich, dies in Angriff zu nehmen. Mit dieser Versorgung und dem Bau des Hochbehälters kam auch die Abnahme des Wassers von der Stadt Todtnau, wobei im voraus DM 40.000,-- an die Stadt bezahlt wurden. Mit der Verlegung der Wasserleitung sollte doch auch die Entwässerung erfolgen.  Damals bekam ich von einem Gemeinderat die Antwort: „Ob ich spinne?“.  Trotzdem konnte die Entwässerung im Trennsystem und mit frostsicheren Straßen, bis auf die KresseIstraße und die 3 Häuser im Außendorf, gebaut worden. Wenn der damalige Bauunternehmer beim Bau der Kresselstraße seinen Betrieb nicht aufgegeben hätte, wäre auch diese vor der Eingliederung in die Stadt.  Todtnau noch fertiggestellt worden; das Geld war vorhanden.

Nun zur Eingemeindung im Jahre 1972 auf der Grundlage der Ortschaftsverfassung. Auf Grund der Tagungen und Gesprächen über die Gebiets- und Gemeindereform war mir als Bürgermeister bewußt, daß sich Schlechtnau schon wegen der ehrenamtlichen und nebenberuflichen Tätigkeit aller drei Bediensteter (Ratschreiber und Kassenverwalter mit einbezogen) auf Dauer die Selbstverwaltung nicht erhalten kann, zudem Herr Ratschreiber Glaisner, damals über 70 Jahre alt, aus gesundheitlichen Gründen 1971 in den wohlverdienten Ruhestand trat. Herr Frey, Kassenverwalter, war damals 76 Jahre alt.  Durch Unterstützung von Herrn Ernst Volk, Todtnau, war es mir möglich, den Ratschreiberdienst bis zur freiwilligen Eingemeindung am 1.4.1972 weiter zu führen. Das mehrmalige Angebot des Gemeinderat,  Bürgermeister und Ratschreiber hauptberuflich zu übernehmen, hatte ich auf Grund der Kosten, welche auf die Gemeinde zugekommen wären, abgelehnt. Ebenso schien mit ein Verwaltungsverband zu kostenaufwendig.

So war eine Bürgeranhörung notwendig geworden, welche am 29. 8.1971 negativ verlaufen ist. Als ich an jenem Sonntagmorgen ins Rathaus ging um das Wahllokal zu öffnen, stand auf langen Rauhfasertapeten an Mauer und Zaun: „Heute könnt ihr noch frei sein, morgen kann's vorbei sein“, weiter: „Lieber schlecht wie tot“.  Das gab mir schon ein schlechtes Gefühl für den Ausgang der Bürgeranhörung.  Die zweite Anhörung auf der Grundlage der Ortschaftsverfassung am 20.2.1972 war mit voriger Zusendung der mit dem Landratsamt ausgearbeiteten Ortschaftsverfassung und meinem persönlichen Schreiben positiv. Von 138 abgegebenen Stimmen waren 119 für die freiwillige Eingliederung.

 

 

Nun wollt Ihr ja auch hören oder lesen wie es heute aussieht. Ich bin kein Gedankenleser, aber die Schlechtnauer leben friedvoll weiter. Nicht zuletzt hat die Eingemeindung auch Vorteile gebracht. Die eventuellen Nachteile vergessen lassen, dazu hat auch die Fusionsprämie durch die freiwillige Eingemeindung mit DM 970.000,-- beigetragen. Vom Land bezahlt, von der Stadt kassiert.

 

So wurden die restlichen Kanalisationsarbeiten, der Straßenbau, der Wirtschaftswegebau und der Einbau einer Wohnung in das alte Rathaus durchgeführt. Anschaffung eines neuen Unimogs, der auch zu Räumdiensten in Geschwend und Todtnau eingesetzt wird (der alte Unimog wurde der Stadt überlassen), Aufstellung von Bebauungsplänen, Förderung des Fremdenverkehrs. Schlechtnau hatte vordem keinen eigenen Prospekt. Auch die Wassertretstelle mit Spielplatz am Todtnauerliweg wurde angelegt. Die neue Kapelle wurde von der Kirchengemeinde fertiggestellt und der „Maria Königin“ geweiht, was eine große Bereicherung für den Ort bedeutet.

 

Wir sind mit den Bürgermeistem, Herrn Dietsche und Herrn Keller, sowie dem Gemeinderat gut ausgekommen, es wurde gegenseitiges Verständnis gezeigt. Hoffen wir, daß es so bleibt.

 

Josef Ehmer Ortsvorsteher